EGO FIELDS
Dénes Ghyczy führt uns in seiner Werkgruppe EGO FIELDS ein Vexierbild des Bewusstseins vor Augen. Und zwar aus einer wirklich ungewöhnlichen Perspektive: Aus der Sicht von innen, aus der Sichtweise unseres Gehirns mit seiner nahezu unendlich verwobenen Struktur, aus der wir unsere Welt erschließen. Einzelne, nacheinander aufflackernde Partien ergeben dabei ein Gesicht. Aus einem Muster aus Erfahrungen schöpft das Unbewusste seine gefühlsmäßige Deutung. Ghyczy fokussiert diesen unsichtbaren Ablauf der Wahrnehmung und macht ihn in einer verzögerten, seriell anmutenden Portrait-Malerei sichtbar. Dabei gehen Zufall und Traum nach einem einheitlichen Ich eine geheimnisvolle Verbindung ein. In seinen Bildräumen verschmilzt das Ungleichzeitige mit dem Gleichzeitigen, spiegeln sich die Rahmenbedingungen des Sehens oder gar des Seins.
Gitterartige Gebilde, welche die fragmentierten Figuren zu durchdringen scheinen, symbolisieren den Versuch, das Selbst im Verhältnis zur Welt zu erfassen und zu ordnen. Schauen wir genauer hin, offenbart sich dieses Raster als malerische Struktur, welche die Kontinuität der Wahrnehmung metaphorisch, in weichen Übergängen fassbar macht und gleichzeitig wieder entrücken lässt. Die stetige Orientierung, die Konstruktionsarbeit der Psyche findet einen Phasen verschobenen Ausdruck. Nach und nach bahnt sich eine Art Vierte Dimension den Weg. Denn der dreidimensional angedeutete Raum evoziert in seiner Konzentration auf sich selbst eine neue Ebene und beschwört einen Zugang ins Unsichtbare. Imaginationen, die nicht nur phantastisch sind, sondern die sich allein durch die Struktur visualisieren, bieten einen Rückhalt und lassen Ghyczys sich überlagernde Felder wie ein Landschaftsgemälde betreten, in dem sich der Fluchtpunkt multipliziert zu haben scheint. Das Portrait gewinnt in dieser malerisch aufgelösten Umgebung an Authentizität, ohne diese einfordern zu wollen.
Eine kristalline Darstellung einer Person trifft auf freie Malerei. Figur und Farbfluss sind nicht nur gleichberechtigte ästhetische Ebenen. Sie verschränken sich, weil jede für sich bereits eine ästhetische Grenze erreicht hat. Der nächste Schritt ist einer in ein unbekanntes Feld. Ghyczys Arrangements sind somit mit einem offenen Spiel vergleichbar, in dem die Akteure das Portrait und der Betrachter sind und sich wechselseitig bedingen. Die Relativität zwischen Wahrnehmung und Repräsentation, die schon immer im Mittelpunkt seiner Malerei steht, wird auf diese Weise spürbar. Ghyczy demonstriert diesen Balance-Akt des sich Begebens ins Unkenntliche, des Verweilens zwischen zwei Grenzerfahrungen als Notwendigkeit der Erkenntnis. Denn das Zusammentreffen zwischen konkreter und abstrakter Ebene, zwischen Erfahrung und Vorstellung fokussiert die Wahrhaftigkeit des andauernden Augenblicks in seinem flexiblen aber beruhigten, entgrenzten aber relativierten Ausdruck. In den Augen der Portraits lässt sich diese scheinbar widersprüchliche Situation ablesen. Insgesamt scheinen seine Bildnisse von einer meditativen Ruhe her geleitet und von der Endlosigkeit, oder anders gesagt: vom Geheimnis der Latenz getragen.
Uwe Goldenstein (Kurator, Berlin / Bremen)
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